Heavy Rain | Gutes Buch trifft Computerspiel
Lange bereits wurde es lang und breit angekündigt und nun ist es endlich da: Das interaktive Drama und Kriminalgeschichte Heavy Rain. Bereits im Vorfeld hat Entwickler Quantic Dream mit dem ersten Proof of Concept Trailer The Casting großes Lob kassiert, da der Trailer die Emotionen des Hauptdarstellers so originalgetreu wie nie zuvor transportieren konnte. Bereits da war klar, dass die Technologie dahinter ein grandioses Spiel liefern könnte. Kenner des französichen Entwicklungsstudios wussten dort bereits, dass sich Heavy Rain und der PS2-Titel Fahrenheit aus dem gleichen Hause vermutlich sehr ähnlich sein werden. Anhand des Trailers und dieser Tatsache, konnte man bereits erahnen, was Quantic dort hinter verschlossenen Türen produziert. Als dann auf der E3 2008 die ersten Szenen aus dem Spiel gezeigt worden sind, war der Hype um Heavy Rain nicht mehr zu stoppen. Ob sich der Hype allerdings bestätigt, könnt Ihr wie immer im folgenden Testbericht nachlesen.
Heavy Rain beginnt nicht wie jedes Spiel, sondern mehr wie ein Film und so sollte es eigentlich auch betrachtet werden. Heavy Rain spielt sich nicht wie ein Spiel, sondern mehr wie ein Film, dem man Komandos geben kann. Bereits das Tutorial, das dem Spieler die verschiedenen Steuerungsmöglichkeiten des SixAxis Controllers beibringen soll, spaltet die Spieler in zwei Lager, aber dazu später mehr. Im Tutorial sehen wir ein Schlafzimmer, in dem sich einer der vier Protagonisten des Spiels, Ethan Mars, der im Begriff ist, aufzuwachen. Durch das Fenster strömt bereits das Sonnenlicht in den hellen Raum. Mit einer Bewegung des rechten Sticks bringen wir Ethan dazu, aus seinem gemütlichen Bett zu schlüpfen. Die Tutorial-Nachrichten, wie die Steuerung zu bedienen ist, ist dabei gekonnt im Raum untergebracht und fügt sich Prima in die Gestaltung ein. Nun kann man bereits allerlei Dinge anstellen, die nicht wirklich etwas mit der Geschichte zu tun haben, die Stimmung allerdings noch etwas dichter gestalten. So kann man den Kleiderschrank öffnen oder sich das Hochzeitsfoto auf dem Nachttisch anschauen. Letztlich finden wir aber eine Nachricht von der Frau von Ethan auf dem Boden, die uns darüber informiert, dass sie (Grace) zusammen mit den beiden Kindern Einkaufen gegangen ist und dass man nicht so viel Arbeiten solle. Gut, allerdings haben wir noch viel zu tun – erstmal duschen. Also Tür auf, einmal abgebogen und auf ins Badezimmer. Wer nicht gleich unter die Dusche hüpfen mag, um die erste (Fast-)Nacktszene des Spiels zu betrachten, kann abseits des Handlungsstrangs viele weitere Dinge entdecken. Das Spiel lässt dem Spieler meist den Freiraum, alles zu erkunden und auszuprobieren, was auch in einer solchen Situation möglich wäre. So kann man sich vor der erfrischenden Dusche noch schnell auf dem Klo erleichtern und bemerkt, dass Ethan ein Stehpinkler ist oder man schaut dem Vogel Merlin dabei zu, wie er vor sich hintällert. Wer mag, kann sich vor der Dusche auch noch rasieren und die Zähne putzen, allerdings sind diese Dinge wirklich optional und nicht für das Fortkommen im Spiel erforderlich. Kommt man dann endlich aus der Dusche hervor, schlüpft man noch schnell in seine Arbeitskleidung und geht die Treppe hinunter in den Wohn- und Arbeitsbereich des Hauses.
Hier kann der Spieler sich dann wieder ganz gehen lassen. Entweder ein wenig Arbeit oder man hängt sich vor den Fernseher, plündert den Kühlschrank oder geht in den Garten. Wer die Arbeit vorzieht bemerkt, dass Ethan ein Architekt ist und erkennt schnell, warum das Haus so wunderschön und lichtdurchflutet erscheint. Die Beleuchtung in dem Spiel sorgt enorm für den emotionalen Zustand des Spielers. Unterstützt durch Geräusche und Musik fühlt man sich beinahe richtig wohl und zu Hause. Wer nun partout nicht weiß, was er machen soll, dem hilft das Spiel auf eine außergewöhnliche Art. Durch einen Druck auf eine der Schultertasten, kreisen ein paar Gedanken um den Kopf der Spielfigur, die mit einem Druck auf die korrespondierende Taste quasi abgespielt werden können. Auf diese Art erhält der Spieler nicht nur einen tieferen Einblick in die Charaktere des Spiels, sondern auch den einen oder anderen versteckten Hinweis, was wohl als nächstes zu tun ist. Zählt man alle diese Aspekte zusammen, ist Heavy Rain eigentlich mehr mit einem Buch, als mit einem Film zu vergleichen und erinnert mehr an die “Einsamer Wolf” Reihe, die in den 90ern sehr beliebt war. Die restliche Steuerung ist eigentlich recht simpel: die Vorwärtsbewegung der Spielfigur erfolgt nicht wie üblich über den Stick, sondern über einen der Schulterknöpfe (R2). Durch die analoge Funktion des Knopfes kann die Bewegungsgeschwindigkeit des Charakters gesteuert werden, indem der Knopf fester oder sanfter gedrückt wird. Über den linken Analogstick wird die Blickrichtung und in Abhängigkeit dieser dann die Bewegungsrichtung gesteuert. Die Charakterbewegung soll so von der Kameraperspektive, die mit L1 ausgewählt wird, losgelöst werden, um zu verhindern, dass der Spieler die Orientierung verliert.
Actionsequenzen, zum Beispiel wenn der Spieler angegriffen wird, stellen sich als Quick Time Events dar. Hier werden dem Spieler verschiedene Symbole präsentiert, die erfordern, dass er Knöpfe drückt, den rechten Analogstick in eine bestimmte Richtung bewegt oder den ganzen Controller schüttelt. Fehler in der Ausführung dieser Anweisungen verändern den Lauf der Geschichte und einige Fehler führen zum Tode des Charakters. Wenn ein Charakter stirbt, ist das Spiel nicht zu Ende. Die Geschichte geht aus der Sicht eines anderen Charakters, mit all den Konsequenzen weiter, die der Tod des vorherigen Charakters mit sich bringt. Im Falle des Ablebens aller vier Charaktere endet die Geschichte mit einer abschließenden Erklärung.
Kaum ist Ethan mit der Arbeit des Tages durch, kommt auch bereits seine Frau mit den Kindern nach Hause. Nun wird es etwas hektischer. Mit den Kindern spielen, den Tisch decken und ein paar weitere Aufgaben warten auf den Spieler und dieser kommt aus dem Staunen nicht mehr hinaus, denn durch das Zusammenspiel von Grafik, perfektem Motion-Capturing und der genialen Story, zieht dieses Spiel nicht nur alle im Raum in den Bann, sondern beginnt mit der Realität zu verschwimmen. Teilweise sind die Bewegungsabläufe so realistisch, dass man meint durch eine Fensterscheibe in einen anderen Raum zu blicken. Gleichzeitg zeigt sich hier im Spiel, wie Heavy Rain mit den Gefühlen des Spielers umsprigen kann, denn noch ist man ganz fröhlich, weil man gerade mit den Kindern gespielt hat und im nächsten Moment soll man Shaun suchen, den man im Obergeschoß vor dem Vogelkäfig findet. Dieser hat bemerkt, dass Merlin gestorben ist, weint bitterlich und gibt sich die Schuld an dessen Tod. Ethan macht ihm klar, dass solche Dinge nun mal passieren und niemand Schuld an soetwas ist. Wer hier keinen dicken Kloß im Hals hat, ist kein echter Mensch. Diese Sprünge zwischen Fröhlichkeit, Panik / Angst, Zorn und Traurigkeit macht der Spieler in Heavy Rain einige Male durch und es ist erschreckend, wie sehr hier mit den Gefühlen des Spielers gespielt werden kann. Da das gesamte Spiel auf der Story und diesen Gefühlswechseln basiert, möchten wir an dieser Stelle natürlich nicht die ganze Geschichte erzählen oder gar verraten, wer der Mörder ist, aber ein wenig sei dennoch schon verraten. Nach der szene mit Shaun, ist der Spieler dabei, wie Ethan mit Frau und Kindern einkaufen geht. Er soll mit seinem älteren Sohn auf Grace und Shaun warten, die Schuhe kaufen gehen. Leider hat der Große keine Lust zu warten und verschwindet im Gedränge der Mall. Zwar kann der Spieler ihn wieder einfangen, allerdings nur solange, ihm einen Ballon zu kaufen und verschwindet dann zum zweiten Mal. Eine kleine Verfolgungsjagd mit ein paar Irrtümern später findet man den Jungen vor der Mall auf der anderen Straßenseite. Zwar ruft Ethan seinem Sohn noch zu, zu warten, allerdings ist der schon auf die Straße gerannt. Da ein Auto angerast kommt, springt Ethan noch, schnappt seinen Sohn und dreht sich in Richtung Auto, aber dennoch verstirbt das Kind noch an der Unfallstelle. Als folge aus dieser Szene ändert sich die Grundstimmung des Spiels von fröhlich auf regnerisch und traurig-niedergeschlagen. Kein Wunder, denn Ethan und Grace haben sich geschieden, Shaun lebt bei seinem Vater, der allerdings seit dem Tod seines Sohnes ein seelisches Wrack ist und nicht mehr als Architekt arbeitet. Die folgende Szene zeigt ihn bei dem täglichen Leben nach dem Tod seines großen Sohnes und macht dem Spieler deutlich, wie sehr der Unfall das Leben von Ethan zerstört hat. Als wäre das noch nicht alles, wird auch noch Shaun vom Origami Killer entführt und der Spieler hat die Aufgabe, Shaun vor Ablauf der Frist von vier Tagen zu suchen und zu befreien.
Dabei betrachtet man die Geschicht aus den Blickwinkeln von vier verschiedenen Personen: Ethan Mars, dem FBI-Ermittler Norman Jayden, der Journalistin Madison Paige und dem Privatdetektiv Scott Shelby, der von den Familien der Opfer mit der Suche nach dem Origami Killer beauftragt wurde. Jede der Personen sorgt im Spielverlauf für weitere Einblicke in die Story und Hinweise auf den Origami Killer. Letztlich werden sich die verschiedenen Charaktere aber hier und da über den Weg laufen und im großen Finale alle aufeinander Treffen, um den Origami Killer dingfest zu machen, soweit der Spieler die richtigen Entscheidungen auf dem Weg dorthin getroffen hat.
Eigene Meinung:
Heavy Rain ist großartig! Kein anderes Spiel schafft es auf diese Art an den Bildschirm zu fesseln, wie ein gutes Buch. Ich habe Heavy Rain an einem Wochenende verschlungen und konnte kaum den Controller aus der Hand legen – einfach grandios. Es versteht nicht nur, Emotionen zu vermitteln, sondern schafft es außerdem, dass man im Verlaufe des Spiels wirklich jeden einmal als Origami Killer in Verdacht hat. Der Spaß beginnt dabei nicht erst mit dem Starten des Spiels, sondern der Spieler bekommt bereits bei der Installation etwas geboten. Wie bei einer Collectors Edition ist nämlich jedem Exemplar von Heavy Rain eine Figur beigelegt. Während der Installation des Spiels, wird der Spieler aufgefodert, das quadratische Blatt mit dem roten Fleck aus der Verpackung zu nehmen und angewiesen, die Titelfigur, also den Origami-Vogel mit dem blutigen Flügel zu falten. Einfach klasse. Wer sich das Spiel zulegen will, sollte allerdings davon Abstand nehmen, weiter im Internet danach zu recherchieren, da man sonst Gefahr läuft, den Mörder bereits vorzeitig verraten zu bekommen und das ganze Spiel damit zu verderben. Jeder der gerne Krimis mag und einer Mischung aus Detektiv-Story, Horrorschocker und Emotionsachterbahn nicht scheut, ist mit Heavy Rain wirklich gut bedient. Absolute Quicktime-Eventgegner und Actionvernatiker sollten einen Bogen um das Spiel machen und wer nicht volljährig ist, sollte ebenfalls nicht zu Heavy Rain greifen, denn das Spiel trägt zu Recht das Prädikat “Keine Jugendfreigabe”. Heavy Rain ist allerdings ein kleines Kustwerk, das in keiner PS3-Sammlung fehlen sollte, was bereits dadurch klargemacht wird, dass es als Bundle mit der Playstation 3 erschienen ist und von Sony genauso, wie von uns, wie ein Schmuckstück der PS3-Bibliothek angesehen wird. Kaufen!
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